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ECHTES LEBEN DURCH DIE KRISE

Gehen wir jetzt Schritt für Schritt zur Normalität? Ich glaube nicht. Ich hoffe nicht! Weil die Krise in eine Besinnung führte, nach der wir uns innerlich sehnten. Aber wie sieht das neue Leben aus?


Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat mit seinem Text «Die Welt nach Corona» für Aufsehen gesorgt. Darin wagt er keine Prognose für die Zukunft, sondern eine Re-Gnose: Er schaut aus der Zukunft zurück auf diese Krisenzeit. Ein hoffnungsvoller und inspirierender Blick. Den möchte ich hiermit auch wagen, aber aus Frauensicht. Wie werden wir als Frauen zurückblicken auf diese Krisenzeit?




Es ist Herbst, wir fühlen uns von der zunehmenden Kälte draussen in unsere Häuser gedrängt. Dort fühlen wir uns wohl. Denn wir sehnen uns nicht nach der Hektik, dem ständigen Unterwegssein, der ständigen Kommunikation zurück. Die Krise hat uns in eine Besinnung geführt, von der wir gar nicht wussten, wie sehr wir uns nach ihr sehnten.

Sie hat uns innere Freiheit geschenkt. Eine neue Verbundenheit. Denn wir haben gelernt, zusammen über Herausforderungen zu reden. Wir haben gelernt, einander unter die Arme zu greifen, unsere Kräfte gemeinsam zu nutzen, zu teilen, mitzudenken. Unsere Masken sind gefallen, weil wir endlich wirklich verstehen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen.

Frauen haben sich aus ungesunden Beziehungen gelöst, weil in der Nähe und emotionalen Belastung unvermeidlich ans Licht kam, wie missbräuchlich ihre Beziehung ist. Häusliche Gewalt ist aufgebrochen und abgebrochen, weil wir gelernt haben, hinzusehen und darüber zu reden. Andere Beziehungen sind tiefer und näher, weil wir uns mit neuen Augen sehen. Viele Frauen arbeiteten mehr in den Krisenmonaten, weil sie in sozialen Berufen tätig sind, die die Gesellschaft aufrecht erhielten: In der Psychologie, dem Sozialwesen, der Versorgung, der Pflege, der Kinderbetreuung. Viele Männer hatten in der Krise weniger Arbeit und übernahmen vermehrt die Kinderbetreuung und den Haushalt. Und haben dabei gemerkt, wie müde und ungeduldig und nervlich ausgelaugt sie abends um 20.30 Uhr ins Bett fallen. Wir spüren in ihrem Blick, dass sie uns neu sehen, neu ansehen.

Wir betrachten die Wirtschaft realistischer, weil wir merkten, wie sie schrumpfen und ausschlagen kann, ohne dass die Gesellschaft zusammenbricht. Wir achten zahllose unterbezahlte, unterbewertete Berufe höher, weil wir gesehen haben, dass ohne sie die Gesellschaft tatsächlich zusammenbricht. Wir lassen uns nicht mehr sagen: «Du hast halt den falschen Beruf gewählt.»

Wir wissen jetzt, dass viel mehr möglich ist, als wir meinen.

Wir wissen, dass Home Office funktioniert. Unsere Arbeitskollegen kennen die Namen und Gesichter unserer Kinder, und haben echtes Mitgefühl, wenn sie krank sind. Wir reden offener über die Herausforderungen der Vereinbarkeit und finden leichter Wege. Unsere Familienmodelle sind flexibler geworden, genauso wie unsere Arbeitszeiten und Sitzungen.

Wir sind näher gerückt an unsere Liebsten, haben schwelgende Konflikte endlich gelöst. Es hat sich herauskristallisiert, mit wem wir wirklich Zeit verbringen möchten und wer uns gut tut. Wir pflegen weniger, dafür aber tiefere Verbindungen.

Wir sind geduldiger und liebevoller mit uns selbst, weil wir gemerkt haben, dass wir nicht besser planen müssen, sondern weniger.

Wir haben neue Wurzeln zuhause gefunden und unsere Nachbarn kennen gelernt. Abends, an den Wochenenden und in den Ferien zieht es uns weniger weg, wir schauen öfters aus dem Fenster, hinüber zu Balkonen, und trinken öfters ein Feierabendbier bei einem Gespräch, während Netflix schweigt.

Wir gehen weniger shoppen, konsumieren weniger, suchen unser Glück weniger aussen, weil wir im Verzicht nicht Verlust fanden, sondern echte Ruhe.

Wir wissen, dass wir unsere Seele mit einem Rhythmus der Ruhe nähren. Wir kennen unser Sofa besser und den Liegestuhl im Garten. Wir lesen mehr, hören Musik, tanzen wieder und haben Humor neu entdeckt.

Die Wirtschaft kurbelt wieder an, aber sie dreht sich nach neuen Spielregeln. Wir haben realisiert, dass tatsächlich mein Verhalten und meine Solidarität den Unterschied macht, keine Medikamente, Lösungen oder Genies da draussen.

Wir glauben wieder an die Kraft unserer kleinen Entscheidungen.

Deshalb kaufen wir weniger, aber bewusster. Wir kaufen in kleinen Läden, die wir vorher fast vergessen hatten, weil wir «nur noch schnell» einkauften. Wir geben mehr Geld aus für Essen und für Kleidung, obwohl wir weniger davon brauchen. Wir kaufen langsamer, regionaler, fairer, nachhaltiger. Wir kaufen weniger Gemüse, weil in unserem eigenen Garten mehr davon wächst. Die Spaziergänge und das Joggen draussen pflegen wir weiter, weil wir frische Luft neu geatmet haben. Wir verbinden uns mehr mit der Natur, und letztlich mit deren Schöpfer.

Wir sind näher an den Ort gerückt, wo wir sein möchten in unseren Beziehungen, in unserer Selbstachtung. Wir sind neu verliebt. Zuerst in uns selbst, dann in unsere Männer, in unsere Kinder, in unsere Freunde, in unser Zuhause, in unsere Nachbarschaft, in unser Land.

Neu verliebt und neu verwurzelt in das Leben, das wir wirklich leben möchten.

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