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WIE BLEIBEN WIR EIN PAAR?

Was ich nach fast sieben Jahren Ehe und bald 14 Jahren Liebesbeziehung ganz bestimmt weiss: Das Feuer der Liebe hat viele Facetten. Dazu gehören die auflodernden, wilden Flammen, aber auch das besonders heisse, runtergebrannte Holz, wenn die lodernden Funken verschwunden sind und die orange Glut aufleuchtet. Tiefer, komprimierter. Ich weiss nicht, in welchem Zustand sich dein Feuer gerade befindet: Lodernd, leise glühend, abgekühlt, wohlig-warm oder erst herbeigesehnt. Auf jeden Fall wünsche ich dir, dass einige Funken durch die folgenden Zeilen überspringen.




Ich bin mittlerweile 28 Jahre alt, und da wundert es zu Recht, dass ich schon 14 Jahre mit meinem Mann zusammen bin. Denn ja, ich war erst 14 Jahre alt, als wir damals eine feste Beziehung eingegangen sind. Er fünf Jahre älter und ich noch minderjährig. Er in Hamburg und ich in Bern und dazwischen fast 1000 km Luftlinie und unzählige Telefonate, Mails, Briefe und Bekanntschaften bei Mitfahrgelegenheit.de. Nach gerade mal drei Tagen Beziehung ging ich damals als Vollblut-Teenie aufs Ganze und sprach unter dem Sternenhimmel aus, was mir im Herzen war: "Dich will ich heiraten." Worte haben Macht und schaffen Realität. Sieben Jahre später gaben wir uns am selben Ort das Ja-Wort. Hört sich romantisch an und war es auch oft. Aber es war eben auch ein hartes Stück Arbeit und oft alles andere als leicht. Viel Ungewissheit, viel Herz- und Abschiedsschmerz, zwei verschiedene Welten und Kulturen.

Wir waren von Anfang an gezwungen, durch bewusste und konstante Kommunikation am Leben des anderen teilzuhaben.

Je weniger Kontakt wir hatten, desto weniger hatten wir uns zu sagen. Zwei Mal kam es vor, dass ich Gefühle für einen anderen Mann entwickelte. Beide Male wählte ich die Wahrheit, das Uns und auch den Schmerz.


Ohne Holz gibt es kein Feuer und schon gar keinen Funkenflug. Den wünschte ich mir, für uns und für mich. Manchmal ist das Holzholen mühsam und kostet etwas. Leidenschaft. Durchhaltewillen.

Wir stellten uns tatsächlich vor, wie wir gemeinsam alt werden würden, also so richtig alt und immer wieder überlegten wir uns, was es dazu braucht. Später, als die Ehe meiner eigenen Eltern erneut zu bröckeln begann, wurde die Sehnsucht nach einer langanhaltenden, gesunden Beziehung umso tiefer.



Wie sehr wir damals diese Fernbeziehung auch «hassten» und ein Leben herbeiwünschten, wir wir es heute führen: Aus heutiger Sicht ist sie der wertvollste Schatz. Wir konnten uns damals nicht stillschweigend gegenübersitzen und den anderen verliebt anstarren. Wir mussten uns alles "er-kommunizieren", erfragen, erzählen. Wenn wir uns sahen, dann im Kreis der Familie, im echten Leben, zu Hause im Alltag den ganzen Tag. So kannten wir uns ziemlich schnell ziemlich gut. Wir lernten, dass das Besondere und Wertvolle am Gegenüber oft erst dann bewusst wird, wenn es nicht greifbar nah ist.

Durch diese Zeit wurde für uns immer klarer, dass das "Wir-wollen-Uns" einen grösseren Stellenwert haben soll, als das "Das-will-Ich". So wäre ich für uns nach Hamburg gezogen und wusste aber auch immer, dass Dom fürs uns nach Bern kommen würde. Ein gegenseitiges Einvernehmen ohne Forderung. Es ist ein Segen, dass die damaligen Umstände das Schrumpfen unserer Egos forderten.

Diese vielen kleinen Entscheidungen in unserer Geschichte sind wie dicke Holzscheite, welche wir immer wieder auf unser Feuer gelegt haben. Aus ihnen konnte über die Jahre eine leuchtend-funkelnde Glut entstehen, die heute frisches Brennholz in Sekundenschnelle aufflammen lässt.

Wie steht es um dein Feuer? Wo stellst du gerade das „Wir-wollen-Uns“ über das "Das-will-Ich"? Wann hast Du dir zuletzt bewusst gemacht, wie dich dein Partner beschenkt, was du am meisten an ihm vermissen würdest?

Wann hast du das letzte Mal eine richtig lange Mail geschrieben oder einen handgeschriebenen Brief? Wo entscheidest du dich für die Wahrheit und den Schmerz, und damit für die Liebe?

Wann hast Du dich zuletzt getraut, Worte auszusprechen, mit denen „man aufs Ganze geht“?


Rachel Borchert ist Mama von zwei Mädchen, Lehrerin und Künstlerin. Sie malt, singt und tanzt. Mit ihrem Mann Dom lebt sie in Bern, sammelt gerne verstaubte, verstossene Schätze vom Strassenrand und findet einen neuen Platz. Ihre Augen sehen das Unerkannte und ihre Ohren hören Zwischentöne.


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